Gedenkkultur im Kreis Steinfurt

Im Kreis Steinfurt sind zahlreiche unterschiedliche Formen des Gedenkens an die Opfer der Nationalsozialismus präsent.

440 Namen von Menschen, die von der ehemaligen Provinzialheilanstalt in Tötungsanstalten deportiert wurden. ©K. Adam 2018

Gedenktafel in Lengerich von Opfern der NS-„Euthanasie“-Morde

Und das bezieht sich nicht nur auf Denk- oder Mahnmale z.B. an Stätten zerstörter Synagogen, der (Um-)Benennung von Straßennamen, der Aufrechterhaltung jüdischer Friedhöfe oder subtilerer Formen wie Stolpersteine im Straßenpflaster, sondern auch auf so eindrucksvolle Beispiele wie den „Lengericher Gedenkpfad“, der für die damalige Provinzialheilanstalt über 440 sog. „Euthanasie“-Opfer mit Gedenksteinen und -tafeln ins Gedächtnis ruft, die von dort in Tötungsanstalten abtransportiert wurden. → Link: Gedenkpfad LWL-Klinik

Die Initiatoren des Gedenkens sind strukturell sehr unterschiedlich in Amt oder Ehrenamt organisiert. Beteiligt sind oft Engagierte aus der Zivilgesellschaft, wie Vereine, Künstler, Wissenschaftler, aber auch Institutionen, wie Kirchen, Politik und Verwaltung,  Schulen und andere Bildungseinrichtungen. Gemeinsam scheint allen zu sein, die Erinnerung im öffentlichen Raum wachzuhalten zu wollen an die unfassbaren Verbrechen an Andersdenkenden, Roma, Sinti, Homosexuellen, Zwangsarbeitern, psychisch Kranken, Behinderten, Zeugen Jehovas und vor allem Juden.

Tradition und Gedenken

Ein Beispiel, dass Tradition und Gedenken an die Opfer des Nationalsozialismus zusammengehören und durch kleine Zeichen fortwährende Wirkung entfalten, zeigt das Beispiel der Bürger-Schützen-Gesellschaft Borghorst 1490 e.V.: Die in der NS-Zeit entfernte Plakette aus der Königskette des jüdischen Schützenkönigspaar von 1920, Frieda und Albert Heimann, wurde wieder in die Kette eingefügt. → Artikel: Langjährige Lücke in der Königskette geschlossen
Am Platz der ehemaligen Synagoge wurde durch den Grundriss aus Sandsteinen und eine Stele mit Informationstafel den Mitgliedern der jüdischen Gemeinde, die in Borghorst zu Hause waren, gedacht. Am Tag der Enthüllung – Tag des Denkmals im September 2011 – war ein Höhepunkt der Vorbeimarsch, Innehalten und Gedenken der Bürgerschützen zu Ehren ihres rehabilitierten Schützenkönigspaares.

Würdigung des jüdischen Schützenkönigspaares von 1920: Frieda und Albert Heimann.

Innehalten und Gedenken der Bürger-Schützen-Gesellschaft Borghorst 1490 e.V. am Platz der ehemaligen Synagoge © Karl Kramer 2011

Synagoge Borghorst: Geschichte

Zielrichtung der Website

Diese Website unternimmt den Versuch, das Gedenken in den Städten und Gemeinden vorzustellen, wobei es nicht um eine selbstreferentielle Darstellung der Formen geht, sondern vor allem um die Inhalte: Es soll Leben und Schicksal der Menschen hinter den Namen, die in Stein oder Metall gehauen wurden, nachvollziehbar und recherchierbar gemacht werden – soweit Erkenntnisse und Daten dazu verfügbar sind. Gleichwohl soll vor allem auch der Menschen gedacht werden, deren Namen (noch) nicht im öffentlichen Raum präsent sind .
Eine offene Datenbank ist im stetigen Aufbau. → s. Datenbank

Die 24 Städte und Gemeinden des Kreis Steinfurt

In den 24 Gemeinden des Kreises gilt es namentlich an ca. 400 bis 450 Menschen zu erinnern, die Opfer der NS-Regimes wurden. Die überwiegende Zahl hiervon waren Juden. Ungefähr 100 Kranke oder Menschen aus dem Kreis, die unter die sog. „Rassenhygiene“ fielen, wurden in Tötungsanstalten ermordet.

Wahrscheinlich muss oben genannte Zahl nach oben korrigiert werden, da die Zwangsarbeiterschicksale bislang wenig erforscht sind. In diesen Ermittlungen sind die Bürgerwissenschaftler vor Ort gefragt. Öffentliches steinernes Zeugnis legen bisher nur die Grabsteine verstorbener oder ermordeter Zwangsarbeiter auf Friedhöfen ab. Die Inschriften sind allerdings – ohne moderne Scantechnik – teils schwierig zu rekonstruieren.

Unlesbarer Zwangsarbeiter-Grabstein Lengerich, ©Klaus Adam 2020

Unlesbarer Zwangsarbeiter-Grabstein Lengerich, ©Klaus Adam 2020

Die weitaus größte Zahl an dokumentierten Biographien spiegelt sich in Stolpersteinverlegungen wider: Bis dato liegen über 250 Stolpersteine im Kreisgebiet. Dank der ausgezeichneten Arbeit verschiedener Autoren kann auf deren fundierte Veröffentlichungen zurückgegriffen werden → s. Literatur
Darüber hinaus gibt es – seit der ersten Stolpersteinverlegung in Rheine 2004 – i.d.R. recherchiert u.a. durch die Initiatoren und der Presse, weitergehende Erkenntnisse zu den Details der einzelnen Biographien. Auch Zeitzeugenaussagen, Kontakte und Besuche von Nachfahren und Verwandten ergänzen das oft fragmentarische Wissen.

Darstellung der Städte und Gemeinden des Kreis Steinfurt im Einzelnen