Dokumentation Lengerich

Inhaltsverzeichnis ↑

Familie Mildenberg

Ruth, Rosa und Julius Mildenberg 1941, Slg. P. Niemeyer

Ruth, Rosa und Julius Mildenberg 1941, Slg. P. Niemeyer

David Mildenberg (*11. Juli 1855) kam 1878 nach Lengerich und baute dort eine Fleischerei mitsamt eigener Schlachtung auf. Im gleichen Jahr, am 20. Mai 1878, heiratete er in Telgte Rika Auerbach (*20. Januar 1854), die aus diesem münsterländischen Ort stammte. Am 2. September 1879 kam der älteste Sohn Julius zur Welt. Wie andere jüdische Kinder der damaligen Zeit besuchte Julius eine der christlichen Schulen in Lengerich; seine Einbindung in die bürgerliche Gesellschaft in seinem Geburtsort kann man auch daran erkennen, dass er ab 1927 Mitglied im Männergesangverein Eintracht und bei den Bürgerschützen Lengerich zweimal Schützenkönig war (1903 und 1913). Im letzten Kriegsjahr heiratete Julius Mildenberg die aus Sögel stammende Rosa Weinberg (*13. März 1888) und das Paar bekam drei Töchter: Resi, geboren am 1. September 1919, Ingeborg, geboren am 29. September 1920 und Ruth, die am 20. Oktober 1928 zur Welt kam.

Als die Nationalsozialisten am 30. Januar 1933 durch die Ernennung Adolf Hitlers zum Reichskanzler an die Macht kamen, war Julius Mildenberg Vorsteher der jüdischen Gemeinde in Lengerich geworden – damit rückte er automatisch in den Fokus der staatlichen Überwachung. Als Fleischereibesitzer war er vom Geschäftsboykott am 1. April 1933, zu dem unter dem Motto ‚Kauft nicht bei Juden‘ aufgerufen worden war, betroffen, obwohl sein Geschäft in dem Ruf stand, „besonders gutes Fleisch“ anzubieten. Am 9. und 10. November 1938 wüteten auch in Lengerich nationalsozialistische Schlägertrupps. Im Hause Mildenberg wurde die gesamte Wohnungseinrichtung zertrümmert; SA-Männer machten sich, so einige Augenzeugen, einen Spaß daraus, „die 84jährige Rika Mildenberg auf einen hohen Schrank zu setzen und dann zu verhöhnen,“ was ihr Sohn Julius und seine Frau Rosa hilflos mitansehen mussten. Nun war klar, dass die Mildenbergs Lengerich verlassen mussten. Ende Januar 1939 verließ Mildenberg zusammen mit seiner Ehefrau und seiner elfjährigen Tochter Ruth die Stadt Lengerich – die beiden älteren Töchter Resi und Ingeborg hatten Lengerich schon 1935 bzw. 1937 verlassen – und siedelte über nach Essen in die Franz-Arens-Straße 11. Seine Mutter Rika Mildenberg war bereits am 5. Dezember 1938 zu ihrer Tochter Hedwig und ihrem Sohn Max in die Rühlestraße 22 in Essen gezogen. Am 12. April 1941 verstarb die hochbetagte Mutter; sie wurde auf dem Essener Parkfriedhof beigesetzt und entkam auf diese Weise der bald einsetzenden Deportation.

Am 26. Oktober 1941 hatten sich 250 in Essen lebende Juden – Männer, Frauen und Kinder – im Sammellager „im Haumannshof, dem Hauptquartier der Polizei“ einzufinden; von dort fuhren sie nach Düsseldorf und verbrachten eine Nacht in einem ehemaligen Schlachthof. Am folgenden Morgen ging es in einer 28-stündigen Bahnfahrt von Düsseldorf-Derendorf nach Lodz, ins dortige Ghetto. Im Mai 1942 wurden Julius, Rosa und Ruth ins Vernichtungslager Chelmno (Kulmhof) gebracht; dort wurden sie vergast und anschließend in Massengräbern verscharrt.

In der Hoffnung, dass ihre Tochter Resi in einer größeren jüdischen Gemeinde sicherer leben konnte, hatten die Eltern die 16-Jährige am 17. Dezember 1935 zu Julius‘ Bruder Albert und dessen Frau Ottilie nach Mülheim geschickt. Nach dem Novemberpogrom 1938 musste sie das Haus verlassen und lebte ab dem 11. April 1939 an der Bahnstraße 44 in Mülheim; dieses Haus war eins von zehn „Judenhäusern“ in Mülheim.

Drei Monate später verzog Resi Mildenberg – laut Einwohnermeldekartei Mülheim – nach Den Haag in die Agnesstraat 1. Doch im Mai 1940 überfiel Deutschland das Nachbarland, das am 15. Mai 1940 kapitulierte; wenig später war es nichtarischen Ausländern nicht mehr gestattet, an der Küste zu leben, und so zog Resi Mildenberg in den Norden Hollands, nach Beilen, wo sie ihren späteren Mann, den aus Aurich stammenden Juden Alfred Abraham Wolff, kennengelernte, der damals in Groningen lebte. Dorthin zog Resi Mildenberg im Juni 1942 und die beiden heirateten am 10. August. Doch inzwischen hatten die Nationalsozialisten das nahe bei Beilen gelegene Lager in Westerbork als polizeiliches Judendurchgangslager eingerichtet. Auch Alfred und Resi Wolff wurden am 31. Dezember 1942 zwangsweise dorthin gebracht und mussten dort auf den Transport in ein Vernichtungslager warten. Die endgültige Deportation erfolgte am 18. Mai 1943 ins polnische Sobibor; kurz nach ihrer Ankunft wurden sie vergast.

Ingeborg, die zweite Tochter der Mildenbergs, hatte bei Einsetzen des nationalsozialistischen Terrors bereits eine längere Schulzeit hinter sich. Im Frühjahr 1939, am 15. März, gelang es Ingeborg nach Großbritannien zu fliehen. Großbritannien sollte für sie aber nur eine Durchgangsstation bleiben; nach Erteilung ihres Visums reiste sie am 7. November 1940 an Bord des Schiffes Samaria von Liverpool nach New York, wo sie bei ihrem Onkel Hermann unterkam, der bereits seit Februar 1940 in New York lebte.

Während ihrer Ausbildung zur Krankenschwester in Ohio kam sie mit Schwestern des Ordens „Sisters of St. Francis of Penance and Christian Charity“ in Kontakt und war offensichtlich von dieser Lebensform so berührt, dass sie sich am 12. Juli 1946 taufen ließ und zum Katholizismus konvertierte. Es folgten einige Jahre der weiteren Unterweisung im katholischen Glauben, bis sie dann am 5. September 1949 in Stella Niagra, NY, in den Orden eintrat und Nonne wurde; die ewigen Gelübde legte sie schließlich am 18. August 1955 ab und trug fortan den Namen Sister Mary Erica. In den folgenden Jahrzehnten arbeitete sie als Krankenschwester in verschiedenen Einrichtungen, bis 1992 eine schwere Herzkrankheit sie zum Rückzug aus der aktiven Krankenpflege zwang; die letzten Monate ihres Lebens verbrachte sie in Buffalo, NY, wo sie schließlich am 21. Oktober 1993 verstarb.

Zusammenstellung: Bernd Hammerschmidt1)siehe auch: Bernd Hammerschmidt: Die Mildenbergs, BoD Norderstedt 2020, ISBN 978-3-7504-8819-9

Über den Mildenberg-Zweig der Familie Siegfried Mildenberg in Telgte → siehe Website Erinnerung und Mahnung, Telgte.

 

Video zur Verlegung der Stolpersteine für Familie Mildenberg


HAG-Schüler beschreiben, wie Ruth Mildenberg die Reichspogromnacht erlebt haben könnte

Zehnjährige in Angst und Schrecken

Lengerich, 9. November 2020

Heute vor 82 Jahren begannen Nationalsozialisten in Deutschland abends ihren Terror gegenüber der jüdischen Bevölkerung. Auch in Lengerich wurden während der Reichspogromnacht Scheiben eingeworfen, Wohnungen verwüstet, das Haus der Familie Albersheim angezündet und zahlreiche Männer in „Schutzhaft“ genommen.

In der Bahnhofstraße 9 wohnte damals die zehnjährige Ruth Mildenberg zusammen mit ihren Eltern Julius und Rosa Mildenberg sowie ihrer 84-jährigen Großmutter Rika. Sie hatte ab 1934 die städtische Volksschule in Lengerich besucht, musste aber drei Jahre später auf Grund der national-sozialistischen Schulpolitik zur jüdischen Elementarschule in Osnabrück wechseln.

Wie mag das junge jüdische Mädchen die schrecklichen Ereignisse der Reichspogromnacht erlebt haben? Dieser Frage sind drei Schülerinnen des Hannah-Arendt-Gymnasiums nachgegangen und haben einen Brief entworfen, den Ruth am 11. November 1938 an ihre älteste Schwester Resi geschrieben haben könnte. Resi Mildenberg, geboren 1919, lebte damals in Mülheim bei ihrem Onkel Albert und seiner Frau Ottilie.

„Liebste Resi,
wie geht es dir? Uns geht es nicht gut. Gestern waren bewaffnete Männer da. Die haben unsere ganze schöne Wohnung zerstört. Das schöne Bild, das du mir gemalt hast, haben sie von der Wand gerissen und angezündet. Ich habe geweint, sie haben aber nicht aufgehört. Mutter hat gesagt, ich darf nicht zu ihnen gehen, sie tun mir sonst weh. Oh Resi, dein schönes Bild! Ich wollte es wirklich retten, aber ich konnte nicht.
Das war alles so schrecklich! Ich musste mich im Keller verstecken. Vater und Mutter haben oben aufgepasst, auf Großmutter. Ich weiß nicht, was sie mit ihr gemacht haben. Ich habe sie nur rufen gehört. Mutter und Vater konnten nichts machen. Es wurde alles zerschlagen, angezündet und ich glaube ich habe sogar Schüsse gehört!
Resi. es ist so schrecklich, ich habe Angst. Mutter sagt immer wieder, wir sind vorsichtig und ich brauche keine Angst zu haben. Ich habe trotzdem Angst. Ich wünschte. wir wären alle zusammen. Du, Ingeborg, Mutter, Vater, Großmutter und ich. Es soll einfach nur alles wie- der gut sein. Warum sind die anderen nur so gemein zu uns?
Ich hoffe, dir geht es besser.
Liebe Grüße auch von Mutter und Vater
Deine kleine Schwester Ruth“

Ingeborg (Mildenberg) war Ruths zweite Schwester und lebte zur Zeit des Briefes als 18-Jährige in Münster.
Wenige Wochen nach der Reichspogromnacht musste Ruth, zusammen mit ihren Eltern, ihre Heimatstadt verlassen und nach Essen übersiedeln. Am 26. Oktober 1941 wurde die Familie über Düsseldorf nach Lodz deportiert; am 7. Mai 1942 wurden sie „ausgesiedelt“ und ins Vernichtungslager Chelmno gebracht. Dort wurden sie vergast und anschließend in Massengräbern verscharrt.2)Bernd Hammerschmidt, in: WN vom 9.11.2020

Fußnoten   [ + ]

1. siehe auch: Bernd Hammerschmidt: Die Mildenbergs, BoD Norderstedt 2020, ISBN 978-3-7504-8819-9
2. Bernd Hammerschmidt, in: WN vom 9.11.2020