Dokumentation Burgsteinfurt

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Familien Max und Otto Hirsch, Rottstraße 13 – 14

Max Hirsch (*1881) war Viehhändler. Im Ersten Weltkrieg diente er als Soldat. Seine Ehefrau Hedwig, geb. Bachrach (*1876), stammte aus Nentershausen. Sie hatten drei Kinder: Edith (*1907), Selma (*1908) und Georg (*1912).

In Burgsteinfurt lebte die Familie zunächst in der Schlietenstraße, bis das Haus dem Vater von Frau Appelbaum verkauft wurde. Danach wohnte die Familie in der Rottstraße. Max und Hedwig schrieben im Jahre 1941 vor ihrer Deportation drei Briefe an die Tochter Edith in Santiago de Chile: am 31. August, am 20. Oktober und am 9. November. Das Rote Kreuz teilte nach dem Krieg mit, dass sie nach Theresienstadt und von dort dann nach Riga deportiert worden seien, wo sie ermordet wurden. Da sich ihre Namen (und die von Bruder Otto und Schwägerin Selma, s.u.) in der Namensliste des Transports vom 13. Dezember 1941 ab Münster-Osnabrück-Bielefeld-Ghetto Riga befinden und der Transportzug am 15. Dezember am Rangierbahnhof Skirotowa bei Riga gegen 23 Uhr angekommen ist, ist es unwahrscheinlich, dass Max und Hedwig Hirsch zuerst nach Theresienstadt und von dort dann nach Riga deportiert worden sind. Das wird auch dadurch bestätigt, dass der erste Transport aus Theresienstadt nach Riga erst im Jahre 1942 abging.

In dem Brief vom 31. August informierten sie ihre Tochter Edith, dass die Nazis ihnen ihr Haus weggenommen hätten und sie nun mit anderen Familien in einem Judenhaus untergebracht wären. Dabei dürfte es sich um die Wohnung von Sally Michel und seinen beiden Schwestern, Bütkamp 23, gehandelt haben, denn von dieser Adresse wurden sie am 10. Dezember 1941 nach Münster verfrachtet, wo sie am 13. Dezember den oben genannten Deportationszug besteigen mussten. Am 20. Oktober 1941 hatten sie ihren Verwandten mitgeteilt, es gehe ihnen gut, aber sie müssten schon wieder umziehen, wüssten aber nicht, wohin; sie würden ihnen die Adresse sobald wie möglich mitteilen. Im letzten Brief schrieben sie, dass der Umzug bald bevorstehe, da man ihnen schon warme Decken gebracht habe für die neue Gegend, wo es sehr kalt wäre. Sie dachten nicht daran, dass sie in den Tod fahren würden, weil die Nazis immer von „Umsiedlung in Arbeitslager“ sprachen. Dies schrieb Eva Wyman, geb. Goldschmidt, anlässlich der Verlegung der Stolpersteine für ihre Großeltern Max und Hedwig Hirsch und ihre Großtante und den Großonkel. Den Wortlaut der Briefe hat Frau Appelbaum vorgetragen.

Edith machte nach dem Besuch der Freien Mädchenschule in Burgsteinfurt am Freiherr-vom-Stein-Gymnasium in Münster im Jahre 1928 das Abitur und studierte anschließend in Münster und in Hamburg Philologie. In Hamburg lernte sie den Studienrat Dr. Emil Goldschmidt (*1901) kennen, der dem Lehrerkollegium der staatliche anerkannten privaten „Höheren Mädchenschule Lyzeum von Dr. J. Loewenberg“, Hamburg, Johnsallee 33, als Vollzeitlehrer angehörte. Anfang der 1930er Jahre heirateten die beiden.

Im Jahre 1933 legte Edith das erste Staatsexamen für das Lehramt an der Hamburger Universität ab, wurde aber aufgrund des so genannten „Arierparagraphen“ nicht mehr zum Referendardienst zugelassen. Im Jahre 1934 plante die Stuttgarter

Synagogengemeinde die Gründung einer jüdischen Schule, für deren Leitung sie Dr. Emil Goldschmidt aus Hamburg einstellte. In Stuttgart wurde Edith und Emil am 13. Juli 1934 ihre Tochter Eva-Miriam, gen. „Eva“, geboren. Die Kleinfamilie erlebte die zunehmende Diskriminierung der jüdischen Bevölkerung Stuttgarts bis zum Novemberpogrom, infolgedessen Emil in „Schutzhaft“ genommen und ins KZ Dachau verbracht wurde, aus dem er aber schon nach zwei Wochen frei gelassen wurde mit der Auflage, Deutschland schnellstens zu verlassen. Nach der Verhaftung von Emil hat Edith kurzfristig die Leitung der jüdischen Schule übernommen. Noch im Oktober 1939 aber gelang es ihr, mit ihrer inzwischen fünfjährigen Tochter über Genua nach Santiago de Chile zu fliehen. Wenig später traf auch Emil Goldschmidt, der von Deutschland zunächst mit einer Ausreisegenehmigung nach England geflohen war, in Santiago de Chile ein. Die enormen Belastungen der Jahre nach 1937, v.a. der Novemberpogrom in Stuttgart, die getrennte Flucht nach Chile, die Probleme bei der Wohnungs- und Arbeitssuche im Exil, hatten die Beziehung von Emil und Edith so stark strapaziert, dass sich das Ehepaar in Chile mit der Zeit auseinandergelebt und auch voneinander getrennt hatte.

Edith fand einen anderen Lebensgefährten, den sie nicht heiratete; sie baute sich eine eigenständige Existenz auf, zunächst als Privatlehrerin und später an verschiedenen höheren Schulen, ab 1957 als angestellte Sprachenlehrerin am Goethe-Institut in Santiago, später als Sprachabteilungsleiterin am Goethe-Institut in Montevideo bis 1972. Erst 1957 ist ihre Ehe mit Emil Goldschmidt geschieden worden.

Emil hat nach größeren Eingewöhnungsschwierigkeiten schließlich eine Stelle als Professor an der Pädagogischen Hochschule/Universität von Santiago de Chile gefunden, wo er Germanistik, Deutsch und Soziologie lehrte. Ester Lucero (*1912), eine Baptistin aus Valparaiso wurde seine neue Lebensgefährtin. Eva, die in Santiago zeitweise bei ihrem Vater, zeitweise bei der Mutter lebte, bekam einen Halbbruder: Mario Goldschmidt, der im Jahre 1947 in Chile geboren wurde. Geheiratet haben Ester und Emil erst in den späten 1950er Jahren, nach der Scheidung von Edith.

Edith wurde im Jahre 1972 am Goethe-Institut pensioniert. Daraufhin kehrte sie Ende 1972 nach Deutschland zurück, wo sie in Bonn eine Wohnung nahm. An der Bonner Universität promovierte sie im Fachbereich Romanistik. Außerdem unterrichtete sie noch eine gewisse Zeit Französisch an Volkshochschulen in der Region. 1992 veröffentlichte sie ihre Autobiographie mit dem Titel „Drei Leben“. Sie starb am 28. August 1996 in Bonn.

Emil Goldschmidt emigrierte mit seiner Ehefrau Ester und dem Sohn Mario im Jahre 1964 nach Deutschland, weil er einen marxistischen Umsturz in Chile befürchtete, als Salvator Allende erneut für das chilenische Präsidentenamt kandidierte. „Emil Goldschmidt wollte nicht noch einmal eine Machtergreifung erleben“, sagte Sohn Mario in einem persönlichen Gespräch im Oktober 2011 über die Motive der Auswanderung aus Chile. Die Kleinfamilie wohnte in einem Hamburger Vorort. Weil sich bei der Hamburger Schulbehörde noch eine Personalakte von Dr. Emil Goldschmidt aus den 1920er Jahren befand, konnte er sich mit Erfolg um eine Stelle im Schuldienst bewerben und wurde von 1965 an am Abendgymnasium in Hamburg-St. Georg als Lehrer eingestellt, wo er in den Fächern Deutsch und Gemeinschaftskunde bis zu seiner Pensionierung im Jahre 1972 unterrichtete. Wie es scheint, hat Emil von Hamburg aus keinen Kontakt mehr zu der in Bonn lebenden Edith aufgenommen.

Im Jahre 1990 ist Emil Goldschmidt gestorben, drei Jahre nach dem Tod seiner Ehefrau Ester. Beide sind auf dem Friedhof von Hamburg Tonndorf beerdigt.

Eva-Miriam Hirsch hat in Santiago de Chile das Abitur abgelegt. Daran schloss sich ein Studium in Spanisch und Englisch an, das sie mit Erfolg abschloss. Ende 1964 heirateten Eva und Mark Wyman, der seinerzeit in Chile als Reporter einer amerikanischen Zeitung arbeitete. Heute leben die beiden in der Stadt Normal IL, USA, im aktiven Ruhestand.

Die Teilnahme an der Stolpersteinverlegung 2008 für ihre Großeltern hatte Eva Wyman krankheitshalber absagen müssen. Aber im folgenden Jahr konnte sie, zusammen mit ihrem Mann, einem Sohn und zwei Enkelkindern an der Stolpersteinverlegung für die Familie Hermann Emanuel (s.o.) sowie für die letzten jüdischen Arnoldinerinnen und Arnoldiner vor dem heutigen Gymnasium Arnoldinum in Burgsteinfurt (s.u.) teilnehmen. Bei der Abschlussveranstaltung im Kommunikationsraum des Gymnasiums hielt Eva Wyman eine bemerkenswerte Rede in deutscher Sprache über die hohen – manchmal sogar unüberwindlichen – Hürden, auf die Shoahflüchtige Ende der 1930er/Anfang der 1940er Jahre bei nicht-deutschen Einwanderungsbehörden stießen. Bei diesem Besuch in Burgsteinfurt und dem nachfolgenden Schriftwechsel mit Mitgliedern der Stolpersteininitiative brachten Eva Wyman und ihr Mann immer wieder zum Ausdruck, wie wichtig es ihnen und ihrer Familie war, an der Gedenkzeremonie teilzunehmen und zu erleben, dass ihre Vorfahren nun wieder einen Namen bekommen haben und damit zur Geschichte Burgsteinfurts gehören.

Selma Hirsch, Ediths Schwester, war zunächst 1935 als Kindermädchen nach Stuttgart gezogen. Sie wanderte noch früh genug in die USA aus, wo sie später Felix Hirschheim, einen deutschen Shoah-Flüchtigen aus Berlin, geheiratet hat. Beide sind inzwischen gestorben.

Georg Hirsch, der Bruder von Edith und Selma, besuchte das Gymnasium Arnoldinum von 1922 bis 1927 und verließ die Schule „nicht versetzt“ aus der Obertertia. Er machte anschließend eine Schlosserlehre bei der Firma M. C. Wertheim in Burgsteinfurt. Er wurde am frühen Morgen der Novemberpogromnacht zusammen mit anderen jüdischen Männern in Burgsteinfurt verhaftet. Ende November 1939 gelang ihm noch die Flucht mit dem letzten Auswandererschiff von Genua nach Chile. In Santiago de Chile baute er zusammen mit Gustav Heimann, dem Ehemann seiner Kusine Lotte, geb. Hirsch (s.o.), eine Schraubenfabrik auf, in der er die technische Leitung übernahm. 1950 heiratete er Lisa Goldschmidt, eine Shoahflüchtige aus Berlin, mit der er drei Söhne bekam: Miguel, Robert und Tomás.

1974 starb Georg Hirsch im Beisein seiner Schwester Edith und seiner Frau Lisa in Bonn, wo er auf sich auf Anraten seiner Schwester einer schwierigen Operation unterzogen hatte. Eigentlich hatte er nie mehr in das Land seiner zerbrochenen Kindheit zurückkehren wollen, da er als einziger jüdischer Schüler seiner Klasse den plötzlichen Abbruch der Freundschaft mit Hermann, seinem nichtjüdischen Freund, kaum verschmerzen konnte.

Von Max und Hedwig Hirschs Bruder und Schwägerin Selma, geb. Freund, und Otto Hirsch ist uns bisher nur bekannt, dass Otto Hirsch Metzger in Burgsteinfurt war und dass sie in dem Nachbarhaus von Max und Hedwig in der Rottstraße wohnten. Sie sind mit demselben Deportationszug nach Riga verbracht worden und in Riga oder in einem der Folgelager nach 1941 ermordet worden. Ihr Sohn Fritz (*1922) war ebenfalls Metzger und konnte noch 1939 nach Santiago de Chile fliehen.