Dokumentation Burgsteinfurt

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Familie Joseph de Vries, Schulstraße 20

Joseph de Vries (*28. März 1848 in Vorst/Kempen i. Rheinland) heiratete 1882 Sarah Michel (*1857), Tochter von Samuel Michel aus Burgsteinfurt. Joseph war holländischer Staatsbürger. Sein eigentlicher Beruf war Metzger. Er gehörte als frommer Jude der jüdischen Gemeinde von Burgsteinfurt an und hatte viele Jahre das Amt des Synagogenwächters inne. Er musste am Sabbat und an Feiertagen vor dem Gottesdienst die Passagen aus der Thora heraussuchen, die gelesen werden sollten. Außerdem war er für die Kerzen und den Schmuck der Synagoge verantwortlich. Er überprüfte ebenfalls die Einhaltung der rituellen Speisevorschriften. Seine Frau und er betrieben in Burgsteinfurt ein kleines Lebensmittelgeschäft.

Sarah und Joseph hatten 5 Kinder: den Sohn Meyer (*1884) und die Töchter Sophie (*1883), Emma (*1885), Ella (*1887) und Erna (*1902).

Erna war Bankkauffrau und zuletzt in Osnabrück tätig bei einer Diskontgesellschaft. Zusammen mit ihrer Schwester Ella verblieb sie bis zu ihrer Deportation in Burgsteinfurt: Die Frauen pflegten die Witwe Emilie Gottschalk. Es war ihnen – auch aus finanziellen Gründen – nicht mehr möglich zu fliehen, wie es Sophie am 24.1.1939 getan hatte: Sie war nach Geffen (NL) geflüchtet, nachdem auch ihre Eltern gleich nach dem Novemberpogrom 1938 die Flucht nach Holland angetreten hatten. Der Laden konnte die Familie nicht mehr ernähren, da alle Deutschen zum Boykott jüdischer Geschäfte aufgerufen waren und nur wenige sich trauten, den Kontakt zu den de Vries aufrecht zu erhalten. Sarah starb 1939.

Der Sohn Meyer heiratete seine Freundin Emilie Hirsch (*1878) in Osnabrück. Sie sind dann nach Oberhausen/Gelsenkirchen gezogen, wo die Söhne Werner (*1908), Heinz (*1912) und Gustav (*1913) zur Welt kamen.
Das Ehepaar und die Söhne Gustav und Werner wurden am 27. Januar 1942 von Gelsenkirchen nach Riga deportiert. Heinz wurde am 22. April 1942 von Düsseldorf nach Izbica deportiert. Bis auf Werner wurden alle 1942 oder danach in Lagern ermordet.
Näheres zu Werners Schicksal unter der Website der → Stolpersteine Gelsenkirchen

Emma de Vries, die mit Hermann Cohn verheiratet war, kam in das Todeslager nach Riga wie auch ihre Schwestern Ella de Vries und Erna de Vries. Hermann Cohn hatte sich vor seiner Deportation das Leben genommen.
Mehr zu Emma und Hermann Cohn unter → Stolpersteine Berlin

Sophie und Vater Joseph, der noch in einem Altersheim in Arnheim gelebt hatte, wurden – vermutlich – über Camp Westerbork nach Auschwitz transportiert und dort ermordet – Joseph im Alter von fast 95 (!) Jahren.