Dokumentation Lengerich

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Familie Abrahamson

Rosa Abrahamson, geb. Löwenbach (*25.4.1865 in Laer) und Abraham Abrahamson (*21.11.1871) heirateten am 10.5.1895. Sie wohnten in Lengerich, Stadt 63, heute Rathausplatz 11 und betrieben dort einen Altwarenhandel (Metall, Kleider etc.), wozu auch ein Lagerhaus an der Tecklenburger Straße gehörte.

Rosa und Abraham wurden vier Kinder geboren:
Albert (11.3.1896 – 27.9.1940), Max (25.3.1898 – Februar 1983), Selma (5.2.1901 – ?) und Hermann (10.9.1906 – 1942).

Nach dem Tod des Vaters am 9.2.1930 verarmte die Familie, wahrscheinlich auch wegen der Folgen der Weltwirtschaftkrise.

In der der Pogromnacht am 9.11.1938 wurde ihr Haus verwüstet und geplündert. Die zu diesem Zeitpunkt verbliebenen Familienmitglieder Hermann und Rosa wurden, wie viele andere Lengericher Juden, im Hause Salomon Kaufmann, Hermann-Göring-Straße 17, heute Bahnhofstraße 17, zwangsweise einquartiert.

Die Mutter Rosa flüchtete am 14.4.1939 nach Amsterdam, wo sie bei ihrem Sohn Max in der Dintelstraat 104 lebte. Am 4.3.1943 wurde sie aufgegriffen, in das Sammellager Westerbork gebracht und am 10.3.1943 in das Vernichtungslager Sobibor (Polen) deportiert. Mutmaßlich wurde sie nach ihrer Ankunft am 13.3.1943 dort ermordet.

Albert diente als Soldat im 1. Weltkrieg und wurde laut Preußischer Verlustliste vom 20.05.1917 „leicht verwundet“. Warum er 36-jährig am 15.6.1932 in die Lengericher Provinzial-Heilanstalt eingewiesen wurde, bedarf der weiteren Recherche.
Im Zuge der ersten Krankenmorde des sogenannten „Euthanasieprogramms“ (Aktion T4) wurde er in der Provinzial-Heilanstalt als „lebensunwert“ aussortiert und am 17.9.1940 in die Wunstorfer Heil- und Pflegeanstalt verbracht.1)Stadtarchiv Lengerich Meldekarte Sig. 234
Am 27.9.1940 wurde er in der Landespflegeanstalt Berlin-Buch, Brandenburg a.H. ermordet.

Max zog am 26.10.1935 nach Hamburg und emigrierte später nach Amsterdam, Dintelstraat 104, wo er offensichtlich den Verfolgungen entgehen konnte. Ab den 50er Jahren lebte er teils in Lengerich, Hamburg, Hannover und Amsterdam.
Mit seiner Schwester Selma betrieb er ein gut dokumentiertes Wiedergutmachungsverfahren.

Selma zog am 23.5.1936 nach Oberhausen. Am 5.4.1939 versetzte sie letzte Wertgegenstände in der Städtischen Pfandleihanstalt Osnabrück. Später gelang ihr die Flucht nach London, N.W. 2, 33 Chatswort Road, Brondesburry. Am 30.8.1950 wurde sie britisch naturalisiert.

Hermann blieb von der Familie am längsten in Lengerich. Alle arbeitsfähigen Juden wurden seit Oktober 1938 durch einen Runderlass gezwungen, im Tiefbau, bei Straßenarbeiten oder bei der Kanalerweiterung ihren Lebensunterhalt zu verdienen. Hermann musste Erdarbeiten zum Bau der Schulstraße machen. Ein anderer „Arbeitsdienst“ war u.a. im sogenannten „Aufbaulager“ in Laer (15.7. – 16.10.1940), wo die Juden zur Arbeit an der Begradigung der Steinfurter Aa gezwungen wurden.
Am 9.12.1941 wurde er nach Münster in die Deportationssammelstelle „Gertrudenhof“ und von dort am 13.12.1941 in das Ghetto Riga deportiert. Seither gilt er als verschollen.

Zusammengestellung: B. Ostermann, K. Adam

Fußnoten   [ + ]

1. Stadtarchiv Lengerich Meldekarte Sig. 234