Dokumentation Borghorst

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Nikomedesstraße 1

Hier lebte die Familie Gustav Gumprich.

Bertha Gumprich, Sammlung Rosenfeld

Bertha Gumprich, Sammlung Rosenfeld

Ausgehend von Selle Salomon Gumprich (*1810 – 1892) ∞ Sophie geb. Meyberg (*1820 – 1889) stellen die Gumprich-Familien eine weitverzweigte Verwandschaft dar, wovon hier nur ein Teil betrachtet werden kann. Zur Vervollständigung siehe auch unten der Stammbaum.

Gustav Gumprich (*1861 – 1932) war von Beruf Metzger und Viehhändler. Die Familie hatte an dieser Stelle auch ein Textilgeschäft. Von 1908 bis 1924 war Gustav Repräsentant der jüdischen Gemeinde. Mit seiner Frau Bertha hatte er sechs Kinder, Emil, Albert, Sophie, Erna, Julius und Gertrud.

Bertha Gumprich geb. Kleeberg (*1866) stammte aus Castrop. Als Gustav Gumprich 1932 starb, zog die Witwe zog zusammen mit der Familie ihres Sohnes Emil 1937 nach Münster, Augustastraße 67, vermutlich um die Flucht ins Ausland vorzubereiten. Zwischen 1938 und 1939 verkaufte sie ihr Haus und mehrere Grundstücke in Borghorst. Der Verkauf wurde von den Nazis als vorbereitende Maßnahme zur Verlegung des Wohnsitzes ins Ausland gewertet. Deshalb wurde ihr Konto gepfändet.

Emil Gumprich (*1891) war Textilkaufmann und verheiratet mit Else, geb. Lublinski (*1904 in Hamborn), die nach dem Umzug nach Münster dort als Organistin in der jüdischen Gemeinde tätig war.
Ihre Kinder waren Gisela (*1928) und Manfred (*1930).
Seit 1938 wurde durch mehrere „Sicherungsanordnungen“ sein Konto für eventuell anfallende Reichsfluchtsteuern gepfändet und ihm standen nur begrenzte Beträge monatlich zur Verfügung. Den größten Teil ihres Vermögens verlor die Familie durch staatliche Maßnahmen.
Er emigrierte mit Mutter, Ehefrau und Kindern am 8.12.1939 über Genua nach Montevideo/Uruguay, nachdem eine Auswanderung nach Honduras fehlgeschlagen war. Er fand zunächst eine Beschäftigung als Landarbeiter. Vor 1950 ließ er sich mit seiner Familie in Argentinien nieder.

Albert Gumprich (*1892) zog 1920 nach Münster und heiratete 1922 dort Irma, geb. Nathan (*1898). Er führte die Pferde- und Viehhandlung seines späteren Schwiegervaters Levy Nathan.
Sie hatten fünf Kinder: Rudolf (*1923), Ruth-Marianne (*1925), Sonja-Emma (*1928) und die Zwillinge Uri und Dan (*1940). Dan verstarb wenige Monate nach seiner Geburt (21.4.1940).

Mit seiner Familie wohnte er bis zum Novemberpogrom 1938 in der Kanalstraße 20. Durch Diskriminierungen seit Beginn der Naziherrschaft wurde ein starker Rückgang des Umsatzes hervorgerufen. Die Einziehung des Wandergewerbescheins zum 30.9.1938 bedeutete den Verlust der Existenz. Ein Antrag auf Verlängerung des Gewerbes (24.9.1938) und die Sondierung von Auswanderungsmöglichkeiten zogen die Sperrung des Vermögens nach sich. Wahrscheinlich erfolgte nach der Pogromnacht eine Inhaftierung im Polizeigefängnis. Am 2.1.1939 erfolgte der Umzug zur Südstraße 44. Nach der Auswanderung des jüdischen Hausbesitzers Paul Wolff fand die Familie Unterkunft im „Judenhaus“ Hermannstraße 44. An Reinvermögen waren nach dem Verkauf von vier mit Hypotheken belasteten Grundstücken und Abzug der „Judenvermögensabgabe“ am 3.11.1939 noch rund 5.000 RM zum Lebensunterhalt übrig, bei monatlichen Ausgaben von mindestens 395 RM für einen fünfköpfigen Haushalt (Miete und Lebensunterhalt). Albert war als Tiefbauarbeiter beschäftigt und wegen des Säuglings vom ersten Transport nach Riga (13.12.1941) zurückgestellt.

Am 27.1.1942 wurde er mit seiner Familie nach Riga evakuiert. Am 10.6.1942 verstarb er im Ghetto Riga an Unterernährung und Lungenentzündung.
Bei der Auflösung des Ghettos Riga (2.11.1943) wurden seine Frau Irma, die Kinder Ruth-Marianne, Sonja-Emma und Uri nach Auschwitz deportiert und am 15.11.1943 ermordet.
Sohn Rudolf wurde bei Heranrücken der russischen Front am 10.8.1944 von Riga per Frachtschiff in das KZ Stutthof bei Danzig verlegt. Nach sechstägigem Aufenthalt in Stutthof wurde er am 16.8.1944 dem KZ Buchenwald überstellt und als Häftling Nr. 82.486 von dort in ein Außenlager nach Bochum verschickt. Er mußte dort in der Rüstungsindustrie (Eisen- u. Hüttenwerke oder Verein Gußstahl) arbeiten. Am 3.3.1945 gelangte er zurück nach Buchenwald in den „Krankenbau“- Todesblock (Block 64). Er verstarb am 8.3.1945, vier Wochen vor der Befreiung am 11.4.1945, nach angeblich komplizierter Fraktur des Oberarms („im Block aus dem Bett heruntergefallen“) und eingetretener Sepsis.

Sophie Gumprich verh. Terhoch (*1893 – 1976 Uruguay)

Erna Gumprich, verh. Simon (*1895) lebte nach ihrer Heirat 1923 mit Leopold Simon (*1890) in Quakenbrück. Sie hatten zwei Töchter: Ursula (*1925) und Hella (*1923). Nachdem ihr Mann 1938 im KZ Buchenwald zu Tode geprügelt worden war, zog Erna mit ihren Töchtern nach Düsseldorf. Die Schwestern kamen 1939 mit einem Kindertransport nach England und überlebten so den Holocaust.
Erna wurde 1941 deportiert. Sie starb vermutlich in Minsk.
Auf Wunsch der Töchter Ursula ∞Rosenfeld und Hella ∞Händler wird an dieser Stelle an ihre Eltern erinnert.

Julius Gumprich (*1896), der unverheiratet blieb, flüchtete 1939 nach Belgien und später nach Frankreich. 1942 wurde er im Lager Gurs inhaftiert und am 4.9.1942 über Drancy mit dem Transport Nr. 28 nach Auschwitz deportiert, wo er ermordet wurde. Das Amtsgericht Münster erklärte ihn 1949 für tot.

Gertrud Gumprich verh. Strauß (*1908, lebte 1965 in Uruguay)

 

Details zu den Personen in der Datenbank:
Gustav Gumprich | Bertha Gumprich | Emil Gumprich | Sophie Gumprich | Julius Gumprich | Erna Gumprich | Albert Gumprich | Gertrud Gumprich | Rudolf Gumprich | Ruth-Marianne Gumprich | Sonja-Emma Gumprich | Uri Gumprich | Leopold Simon

Quellen:
Gisela Möllenhoff; Rita Schlautmann-Overmeyer: Jüdische Familien in Münster 1918 bis 1945. Biographisches Lexikon Münster: Westfälisches Dampfboot, 1995 ISBN 3-929586-48-7
Bundesarchiv, Gedenkbuch, Opfer der Verfolgung der Juden unter der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft in Deutschland 1933-1945
Yad Vashem Zentrale Datenbank der Namen der Holocaustopfer

Familienstammbaum



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